Dienstag, 17. Oktober 2017, 16:47
 

Zypern, Deutschland und die Schweiz - Ein facettenreiches Bild

Die Ankündigung die Sozialwerke für den Ausgleich der Staatschulden in einen Solidaritätsfonds einzubringen, hat mich in die Tasten greifen lassen.
 

Der Entscheid ignoriert den Zustand von Zypern! Die Insel benötigt Behandlung auf der Intensivstation sonst wird sie zu einem modernen Atlantis. Der Zorn der Strasse bewirkt Kopf-in-den- Sand-stecken der Volksvertreter und das Abtauchen von politischen Leitwölfen. Das Volk will nicht hören wie es tatsächlich aussieht und die Politiker wollen nicht sagen, was tatsächlich unvermeidbar nötig ist.

Bei Online-Medien lese ich bereits Kommentare, die Freude verkünden und Lob verteilen, dass der Protest der Strasse zu einem lange Nasemachen gegenüber der EU geführt hat. Es ist mir ja bewusst, dass viele (zu viele) Menschen in ihrer Traumwelt gefangen sind, gemäss der es gar keinen Ausgleich zwischen Ausgaben und Einnahmen braucht. Das Wiederkehren dieses Lerneffekts ist belastend (… und kann auf die Zukunft gerichtet sogar Angst aufkommen lassen).

Zypern stellt einen Solidaritätsfonds auf die Beine und für die Fondssubstanz werden die Vorsorgewerte aus Renten- und Pensionskassen eingebracht sowie alle anderen geldwerten Restwerte die bestehen.


An diesem Punkt würde ich auf die Strasse gehen und mitdemonstrieren. Das ist Russisch Roulette das hier gespielt wird und da würde ich doch lieber zehn Prozent abgeben!


Der Patient auf der Intensivstation, aber man versucht ohne Notoperation auszukommen. Nicht mal bittere Medizin will man verschreiben. Man entscheidet sich fürs Gesundbeten und greift parallel zu Hokuspokus Massnahmen. Volk und Politiker spielen Blinde Kuh miteinander. 


Dabei gehen die Schmerzen so nicht weg sondern werden sich sicher unausweichlich stärker bemerkbar machen. Wie in den anderen Problemländern ist das bisher rasch und einfach erzielte Wirtschaftswachstum wesentlich dadurch entstanden, dass die in der Vergangenheit günstigen Euro-Zinsen die Kredite zu billig machten und das  im Überfluss vorhandene Russengeld nach Anlagen lechtzte. Durch diese Düngemittel und ausserdem verstärkt durch eine fehlende Haushaltskontrolle sind wie in einem Case-Study-Film ständig neue Arbeitsplätze entstanden. Zwischen Immobilienboom und Arbeitsmarkt entstanden Rückkoppelungseffekte, die beide Bereiche zum Blühen brachte. So wie das Hochschaukeln beiden Wirtschaftselementen nützte so werden jetzt beide gleichzeitig von der Abwärtsspirale erfasst. Mit fatalen Folgen.

Arbeit und, im Rückblick zum vorausgegangenen Lebensabschnitt, ein kontinuierlich ansteigendes Einkommen haben es so auch dem Mittelstand erlaubt, Häuser zu bauen. An sich wünschenswert und in einem nachhaltig verlaufenden Konjunkturzyklus zum Wohl der nationalen  Volkswirtschaft.



In Zypern war es jedoch ein künstlicher Nachfrageboom der zu diesem Wohlstandssegen geführt hat. Anders betrachtet ist Zypern nämlich durch niedrige Steuern und einem de facto nur vorgegaukelten Prüfverfahren für eintreffende Fluchtmilliarden, zu einer Art moderner Pirateninsel geworden. Das zugrunde liegende Geschäftsmodell ist nicht kreativ sondern plump und dreist, weshalb der Piratenbegriff verwendet wird.

Weshalb die EU diese Entwicklung seit Jahren tatenlos zugelassen hat, ist mir ein Rätsel. Gemeint ist das Absenken der Steuern auf ein Niveau, wo – ausser Irland – die anderen Länder chancenlos sind und parallel dazu ein  Schwarzgeld-Paradies für Russen, mit angeschlossenem Waschbetrieb, entstanden ist.  

Nicht nur die Banken auf Zypern sind für die Russen zur Goldgrube geworden sondern auch Zypern als Drehscheibe für ihre internationalen Warentransaktionen. Ich kann mir vorstellen, dass viele Waren im Rohzustand nach Zypern kommen, wo man sie durch zufügen von Restteilen oder durch die vorgenommene Endmontage zu einem Zypern-Produkt macht, womit wundersame zolltechnische, d.h. massive Vertriebsvorteile in der EU entstehen (zum Nachteil der EU-Länder und deren vor Ort produzierenden Unternehmen). Um gerecht zu sein, diese Warenpolitik haben auch Microsoft und Dell mit Tochtergesellschaften in Irland angewendet. Sehr erfolgreich. Was auch eine sehr relevante Ursache für das Verschieben von Steuersubstrat in Steuerdumping-Oasen ist.


Warum hat man diesem Treiben seither tatenlos zugesehen? Warum soll die EU jetzt Geld fliessen lassen um diesen Wahnsinn am Leben zu behalten?

Die EU und somit auch Deutschland haben nichts gegen die Dumping-Steuern und nichts gegen den Aufbau eines Schwarzgeldhafens unternommen. Sicher es sind Gelder aus Russland und nicht aus Westeuropa, die dort gebunkert werden. Trotzdem stimmt es mich nachdenklich, was dem EU Mitglied Zypern erlaubt wird, während OECD und EU - mal vereint und mal separat) - drohend und angriffswillig die Schweiz zu diktiertem Anpassungsverhalten zwingen (wollen) um über Nacht Abkehr von Dienstleistungen zu erzwingen, die sich über fast ein Jahrhundert unter dem öffentlichen Zusehen der Nachbarn entwickelt haben. Alle diese Länder und ihre Regierungen haben während den Kalte-Krieg-Zeiten den Bankgeheimnisschutz der Schweiz gerne für geheime Geldgeschäfte mit dem politischen Todfeind genutzt. Jetzt ist dies ein grosses und komplexes Feld, aber die folgenden Fakten müssen im Vergleich mit Zypern trotzdem beachtet werden.

Zypern bekommt aus allen möglichen Töpfen Fördergelder der EU, obwohl ihr Pirateninsel-Modell sich zum Nachteil von der EU als Ganzes auswirkt.
Steuer-Dumping-Praxis und das Aufbauen einer Schwarzgeld-Industrie wird mit EU-Geld finanziert. Dies ganz im Gegensatz zur Schweiz, die noch nie Geld gefordert und noch nie Geld erhalten hat "für die guten Dienste". Auch bei der Steuerpolitik sieht die Schweiz besser als Zypern aus. Ist das Herrn Steinbrück schon mal aufgefallen?


Die Schweiz hat sich, wenn auch unter Schmerzen, zu einer Weissgeld-Strategie entschlossen Die Schweiz hat betreffend Sorgfaltspflicht (Überprüfung der tatsächlich wirtschaftlich Berechtigten, Plausibilitätsprüfung betreffend Entstehung und Herkunft des Vermögens etc.) Standards geschaffen, die weltweit den Benchmark stellen.

Bei der Gesetzeslage zur Geldwäscherei und deren Umsetzung ist die Schweiz ein Musterschüler, im Gegensatz zu Deutschland, das den Eindruck von einem Schmuddelkind vermittelt, nach dem Spielen im Kohlenkeller. Diese Aussage beruht darauf, dass Deutschland nicht mal die OECD Vorgaben voll erfüllt, geschweige denn die Richtlinien der USA. Diese Betrachtung ist relevant und an dieser Stelle unverzichtbar, denn sie zeigt den Populismus in der Politik auf. Steinbrück prügelt auf die Schweiz ein, wann immer er den Mund aufmacht und dies kommt gut an bei den Zuhörern. Har er schon mal öffentlich die Briten oder Amerikaner aufgefordert, die Angebote zum Geld "verstecken" einzustellen? 


Die Beschuldigung die Schweiz sei ein Paradies für deutsche Steuerflüchtlinge, lässt Zorn beim Deutschen entstehen. Dabei hat die Schweiz noch im Dezember 2012 Deutschland angeboten, dass man ZEHN Milliarden nach Deutschland fliessen lassen würde, nach Ratifizierung des ausgehandelten Abgeltungssteuer-Vertrags. Aber SPD und Grüne wollten das Geld nicht. (Gut sie wollen mehr. Ein Pokerspiel wie es die Zyprioten gerade auch machen.) Mit dem 10 Mrd. hätte Deutschland fast im Alleingang die Wiederbelebungs-Transfusion für Zypern bewerkstelligen können. Das hätte Freude und Anerkennung für Deutschland in Südeuropa ausgelöst.

Zumindest beim rot-grünen deutschen Steuerzahler ist sicher ordentlich Sympathie und somit Hilfswille für Geringverdiener auf Zypern vorhanden. Da ist auch nichts dagegen einzuwenden, aber man muss die Realität sehen. Die scheinbare Wirtschaftsblüte ist das Resultat eines mächtigen Strohfeuers. Jetzt ist das Stroh aus und es geht nicht darum, wie es wieder zu züngelnden Flammen kommt sondern wie man verhindern kann, dass  die bestehende Glut nicht völlig erlischt.

Diese Gefahr ist real vorhanden und weder die zyprischen Politiker noch die EU wollen die Bürger aufklären, dass selbst die Bereitstellung des noch fehlenden Kapitalteils von rund 6 Milliarden Euro dieses Problem nicht wirklich löst. Der vorgesehene Beistandspakt von rund 16 Mrd. ist eine Feuerlöschübung um die Liquidität zur Begleichung von anstehenden Fälligkeiten und weiteren Forderungen auf der Zeitachse zu ermöglichen. Dieses Geld dient nicht dazu die bereits sichtbar werdenden Forderungsausfälle im Geschäfts- und Privatleben zu verhindern, die sich so sicher wie das Amen in der Kirche einstellen werden.

Grosse Betriebe, wie z. B. aus der Metallverarbeitungsbranche mit Modulen und Produkten für die Baubranche, die vom Immobilienboom profitiert haben, erhalten bereits ausstehende Gelder nicht mehr, da den Bauherren halbfertiger Immobilien das Geld ausgegangen ist. Oder die Bauten nicht beendet werden, weil die Nachfrage weggebrochen ist. Es wird zu Entlassungen kommen und dies im Schneeballsystem bei allen Firmen die als Zulieferer, mit Werkvertrag oder als Sub-Unternehmer an der Expansion beteiligt waren und am Boom verdient haben. Arbeitslose Hausbesitzer, die auf Wertsteigerung der Immobilie gesetzt haben und Gehaltssteigerungen – wie in den vergangenen Jahren – einplanten, können in diesen Zeiten schnell weder die Hypothekarzinsen bezahlen noch im gewohnten Umfang am Konsum teilnehmen. Wirtschaft und Beschäftigung werden schrumpfen. Siehe Spanien, Griechenland, Portugal etc.

Persönlich betrachte ich die vorgesehene Rasenmäher Methode, jeder Bankkunde mit Guthaben wird geschröpft, als ausserordentlich dumm. Den zyprischen Politikern war das Schonen der russischen Oligarchen wichtiger, als die Befindlichkeit der eigenen Bürger. Eine Fehleinschätzung die voll in die Hosen gegangen ist. Aber Bürger und Geringverdiener auf Zypern werden nicht ohne schmerzende Blessuren aus der Sache herauskommen. Egal welchen Namen die Lösung schlussendlich trägt. Dies trifft auch dann zu, wenn Russland als Kreditgeber auftreten sollte.

Bei einem Deal mit den Russen droht bei genauem Hinsehen eine weitaus grössere Kredit- und Zukunfts-Belastung, jedoch für den Normalbürger versteckt und daher nicht sichtbar. Die Russen wollen den eigenen Bürgern eindeutig attraktiven Gewinn vermitteln können, sollten sie Hand zu einem Geschäft bieten. Sei es durch Erwerb von zukünftigen Rohstoffrechten – weit unter Marktwert – oder das Recht auf einen Flottenstützpunkt auf Zypern. Im letzteren Fall meine ich, dass man Zypern aus der EU rauswerfen sollte.

Zypern wird uns noch für eine Weile in den Nachrichten begleiten und die Wut gegen Deutschland wird weiterhin zunehmen. Geopolitisch wäre es da weise, Berlin würde mit wohlgesinnten Nachbarn pfleglicher umgehen und nicht ständig aus populistischem, politischen Kalkül auf die Schweiz einprügeln. Eine kleine Schweiz, die zu keinem starken Staatenbund gehört, eignet sich ja wunderbar um mit barschem Ton Erwartungen auszudrücken und fast Befehle zu erteilen. Auf jeden Fall sollte Steinbrück vermeiden, Zypern und anderen Südländern mit der Kavallerie zu drohen, wenn sie tun was er will, wie z. B. Schwarzgeld und Steueroasendasein abschaffen und evtl. die Heerschaaren von toten Rentenbezügern (wie in Griechenland) effektiv daran hindern das Geld als lebendige Konsumenten auszugeben.


Auf jeden Fall kann der Charme und Erholungswert der Schweiz für Ferientouristen aus Deutschland wieder zunehmen. Ruhe und Sicherheit in den Ferien ist doch etwas wert im Vergleich zu sehr billigen Reiseangeboten, wo Ferienreisende nach der Ankunft unverhohlen spüren, dass sie nicht willkommen sind. Wobei dies noch eine vorsichtige Beschreibung ist.

Die Aggression die sich gegenüber Frau Merkel und allgemein gegenüber den Deutschen zeigt, wird von blinder Wut angetrieben. Die Emotionen sind ausser Kontrolle geraden. Zumindest aktuell und die Medien schüren diesen Hassprozess für eine bessere Verkaufsquote. Dabei sollten doch Journalisten die Ursache für die heutigen Probleme erkennen können und daher nicht das Volk auf der Strasse gegen die Notfallärzte aufhetzen.

Wer die Hand beisst, die füttern will, hat den Bezug zur Realität verloren.

Aktualisiert 22.03.2013 04.50
Aktualisiert 22.03.2013 14.00


 


21.03.2013, 21:00 von Relax-Senf | 22550 Aufrufe

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