Sonntag, 19. November 2017, 15:16
 

Beschneidungen – Berliner Parlament prescht vor

Das Thema Beschneidungen hat ja heisse Diskussionen in Deutschland ausgelöst und beherrscht inzwischen auch in der Schweiz die Leserbrief-Spalten. Was an sich schon speziell ist, denn im Allgemeinen blicken die Schweizer doch recht häufig unaufgeregt und distanziert auf den gesellschaftlichen Diskurs in Deutschland. Die bayerische „Mia san Mia“ Einstellung, also frei übersetzt, geht uns nichts an, wir sind nämlich eigen, ist durchaus geeignet um ausgelehnt zu werden für die Beschreibung der emotionalen Abgrenzung zu Themen in Deutschland, mit denen man sich als Schweizer nicht befassen will solange das Betroffenheits-Feuer nicht unter dem eigenen Dach sichtbar wird. Völlig unverständlich daher, wie man den Parlamentsbeschluss in Berlin als Richtschnur für ein blindlings nacheiferndes Verhalten annimmt.

Entgegen meinem gängigen Schreibverhalten zu Reizthemen, will ich für einmal nicht mit dicken Pinselstrichen provozieren und versuchen flapsige Sprüche zu vermeiden. Von mir aus, wäre ich auch nie auf die Idee gekommen ein Verbot zu fordern, für Rituale die Teil einer Religion sind und seit Urzeiten praktiziert werden. Starte so gesehen von einer neutralen Position. Nur logischerweise schaltet man seinen Denkapparat ein, wenn man so eine Auseinandersetzung verfolgt und Argumente wertet.

Mit der Sicht Beschneidungen hat es schon immer gegeben, habe ich den Gerichtsentscheid eher als Teil der News-Flut wahrgenommen, d. h. ohne persönliche Präferenz. Mein Verhalten hat in dem Moment gewechselt, als sich die deutsche Bundesregierung eingemischt hat und sich die Parteien im Bundestag über Nacht zu einer einheitlichen Stellungnahme gefunden haben. Da ist ja etwas passiert, das ich noch nie vorher feststellen konnte! Die Parteien haben nicht herumgezickt, keine Nuancenabweichungen zur Eigenprofilierung gesucht! Nein, man hat friedlich und diszipliniert gemeinsam beschlossen, den Richtern vorzugeben, wie das von der Politik gewünschte Urteil auszusehen hat.

Wie war das noch mit der zu Jugendzeiten in der Schule gelernten Gewaltentrennung? Die grösste Errungenschaft im Nachkriegsdeutschland ist die 100 Prozent gewährte und gelebte Gewaltentrennung und die damit einhergehende – darauf fussende – Demokratie.


Warum nehmen sich die Parteien Zeit und Energie um sich in eine Entscheidungsfindungsdebatte einzumischen, bei der es um neuzeitlich anerkannte Menschenrechte gegen alte Kultur und Religion geht? Die Politik hat sich doch aus der Judikative und der Religion herauszuhalten, wenigstens bis zum Punkt wo die Legislative greift. Bei der Beschneidungsdiskussion stehen aber wie von Zauberhand alle Tagesgeschäfte still, man mischt sich ein. Für mich ein seltsames Verhalten, das ich mir intellektuell nicht erklären kann.

Spekulativ schon, aber das gehört nicht hier her obwohl das unterschiedliche Mass im Umgang mit dem Wahlvolk auf Dauer sicher nicht die als selbstverständlich angestrebte Ungleichheit erreichen wird. Kaschiert wird es durch den Umstand, dass Moslems und Juden Beschneidungen praktizieren. Hätten sich die Parteien auch so intervenierend verhalten, wenn es nur um die moslemische Bevölkerungsgruppe gegangen wäre?


Beschneidungen von Mädchen werden unter Strafe gestellt und die Zwangsverheiratung ebenso. Kultur, Religion und Tradition sind unwirksame Argumente, wenn sich Täter vor westlichen Gerichten verantworten müssen. Völlig undenkbar, dass sich Bundeskanzlerin Merkel vors Wahlvolk stellt um beim mehrheitlich christlichen Wahlvolk (als Zuordnungsgrösse) für Toleranz für seit Jahrhunderten kultivierte Beherrschungsrituale zu werben. Hat sie nicht genau dies gemacht, mit dem öffentlich signalisierten Diktat an die Richter, welches Urteil sie und das Parlament mehrheitlich erwarten?

Wie am Anfang festgehalten, habe ich persönlich kein Problem damit, wenn alles beim Alten bleibt. Mir geht es um die korrekte Gewaltentrennung, um die Trennung von Kirche und Staat und darum, dass die jeweils etablierten Religionen (die Zahl wird zunehmen in der Zukunft) gleich korrekt behandelt werden von den drei Säulen, welche die Demokratie ausmachen und somit das Zusammenleben von Menschen verschiedener Nationen, Rassen, Hautfarben und Religionen erst menschenwürdig ermöglichen.

Mit dem privilegierten Eingehen auf die Wünsche einzelner Gruppen wird dieses Ziel nicht erreicht. Bundeskanzlerin Merkel fällt mir dabei zum zweiten Mal negativ auf. In der Vergangenheit hat sie Papst Benedikt öffentlich kritisiert, nachdem dieser bei einer Rede mit historischem Content den Protest jüdischer Kreise ausgelöst hat. Die Kritik Merkels, als reformierte Christin und Geschiedene, habe ich seinerzeit als dicken Fauxpas betrachtet. Es steht ihr schlicht nicht zu, öffentlich Kritik am Papst zu äussern. Für mich war dies damals der Schritt hin zur längst feierlich "eingemotteten" Arroganz  als Grossmacht zu vergangenen Zeiten. Sie hat damit ein diplomatisches, politisches Tabu gebrochen.


Dabei bin ich weder ein aktiver Kirchgänger noch sonst empfindsam im Alltag als Christ. Es geht jedoch nicht, dass man den Eindruck gewinnt, Religionszugehörigkeit bedeutet für die Politiker eine variable Grössenordnung. Je nach selektiver Wahrnehmung verhält man sich umtriebig und sehr servil, weil man sich im permanenten „Wahlkampfschach im Kopf“ kleinste Vorteile verspricht, während man die grosse Masse der Bürger als dümmlich und anspruchslos vor sich hin dämmernd einstuft.

Die Reaktionsgeschwindigkeit beim Eingriff in die Beschneidungsdiskussion, die für mich ohne abrufbares Zweitbeispiel ist, zeigt wie unbürokratisch das Parlament agieren kann, wenn man nur will. Im Alltag blockiert man sich gegenseitig selbst dann, wenn die Regierung eine Veränderung einbringen will die z. B. 85 Prozent des ursprünglichen Vorschlags der Opposition abdeckt. Dabei spielt es dann keine Rolle, wenn durch diese Blockadepolitik, die oft einfach zwecks Profilierung erheblich mehr Zeit verstreichen lässt, deutsche Soldaten in Afghanistan mit Leib und Leben bezahlen. Die Abo-Fallen im Internet, die während Jahren zigtausende von Leuten geschädigt haben, hätten doch bei der beim Beschneidungsbeschluss gezeigten Geschwindigkeit, viel früher abgeschafft und als Straftat beschlossen werden können. Ein Nachmittag im Paralment hätte gereicht. Und so gäbe es Duzende von Beispielen, würde man kurz Googeln und Listen anlegen.

Als persönliches Fazit werfe ich die Frage auf, ob der Gott aller Religionen die Jungen in jener Einzigartigkeit geschaffen hat, damit man ihnen kurz nach der Geburt ein Stück abschneidet? Als Opfergabe?

Wäre Tradition eine unabänderliche Konstante in der Gesellschaftsentwicklung, dann wären die Frauen in der Schweiz noch heute im Haus eingesperrt, wenn es der Mann so will und sie müssten weiterhin nach der Hochzeit die eheliche Pflicht in dem Mass erfüllen, wie es zu früheren Zeiten der Patriarch einfordern konnte. Viele Gebräuche waren sakrosankt bis ein Meinungsumschwung für die Aufhebung von in Stein gemeisselten Zwangsritualen sorgte.
 

25.07.2012, 22:06 von Relax-Senf | 40300 Aufrufe

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