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Vorschuss auf die Zukunft

Vorschuss auf die Zukunft

Man will heute wollen, was man erst morgen oder übermorgen kann. Es ist die kontinuierliche Versuchung am Spieltisch des Lebens, gekoppelt mit unseren Primärmotiven, den Spieltrieb, dem Geltungsbedürfnis, dem Gewinnstreben und dem Arterhaltungstrieb. Eigenartigerweise verhalten wir uns dabei aber vielfach gegen den Selbsterhaltungstrieb.

Vorschuss, Kredit, gibt es nur aufgrund eines Einsatzes und durch die Schaffung einer Hebelwirkung. Hier müssen wir den Hebel als Abmachung oder Verpflichtung sehen, wie er im Hebelgesetz als “starrer Körper“ figuriert. Je nach Ansatz erhalten wir das Verhältnis zwischen Kraft- und Lastarm, das Produkt aus Kraft x Hebelarm. Das Resultat ist Krafterhöhung und Beschleunigung. Je mehr Kraft eingesetzt werden muss und je schneller die Bewegung wird, desto grösser müssen wir auch das Element der potentiellen Gefahr sehen.

Kinder sehen keine Gefahren. Erst Erfahrung lässt uns der Gefahren bewusst werden. Nur wer Pessimist genug ist, die ganze Grösse der Gefahr zu erkennen, hat überhaupt die Möglichkeit, an ihrer Abwendung mitzuwirken (Röpke). Und das sind die Älteren. Jugend kennt keine Gefahr, doch hat sie Mut. Furcht vor Gefahr, das Zögern bei der Bevorschussung der Zukunft, sind Anzeichen für die Selbstbeschränkung.

Wer an morgen glaubt, der muss der Zukunft Vertrauen entgegenbringen. Jeder Tag ist doch ein Wagnis und so ist es wirklich nur die Frage, wie und wo der Hebel angesetzt werden darf und soll. Das eigene Alter darf dabei nur den Beitrag an Weisheit und Vorsicht leisten. Wir müssen lernen, mit dem Vorschuss auf die Zukunft umzugehen, wie wir mit Präzisionsinstrumenten umgehen, vorsichtig und genau, zielstrebig und sauber in der Anwendung.

Der Selbsterhaltungstrieb muss uns allein dazu führen, rechtes Mass anzuwenden, denn nur wer hinsichtlich der Zukunft gar keine Risiken eingeht, ist sein grösstes schon eingegangen. Er lebt nicht mehr, er wird gelebt, er lässt sich leben.

28.03.2010, 14:00 von Dr. H. J. Stalder-Straub | 133 Aufrufe
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