Bewusstseinsveränderung beim Profilierungszwang
Bewusstseinsveränderungen beim ProfilierungszwangNicht die gegebenen, die unumgehbaren Imperative, sondern die von der Umwelt gemachten und die selbstgeschaffenen Imperative zerstören unsere Natürlichkeit. Unser beständiges Streben und die uns drängenden Primärmotive verleiten uns zuerst, zwingen uns dann sogar, immer neue und immer schwieriger zu beobachtende Imperative zu akzeptieren, ohne dass wir die Kraft oder die Möglichkeit hätten, bestehende Imperative zu relativieren oder gar abzubauen. Das muss unausweichlich zu Diskrepanzen im Verhalten führen; man könnte es Erfolgsschizophrenie nennen. Obwohl wir genau wissen, dass wir nicht überall alles für alle zur gleichen Zeit sein können, gibt es dennoch immer viele, die gerade das zu vollbringen versuchen. Sie sind erfolgreich im Geschäftsleben, haben eine politische und militärische Karriere hinter sich, sind in anderen Organisationen engagiert, vielleicht auch noch in der Kirche und in einer karitativen Vereinigung, betreiben eine Kunstsammlung und sind sportlich tätig, Vereinsvorstand, Zunftmitglied. Daneben sind solche Menschen auch noch Familienvorstand oder wenigstens Familienmitglied und pflegen neben allem zum Ausgleich ihr Eigenleben. Man darf sich da nicht wundern, dass sich die Persona in jeder Umgebung anders verhält, denn sie respektiert andere Imperative, wobei es äusserst schwer ist, eine Grundlinie von Gut und Böse, Freund und Feind einzuhalten. Der Kompromiss wird zur Überzeugung, doch wirkt er nicht mehr belastend, wenn der innere Zusammenhang der Persönlichkeit schon verlorengegangen ist. Diese Alleskönner fühlen sich in jedem Wasser wohl, doch die Quintessenz aller Anstrengungen vereint, muss, auch wenn Leistung noch so sehr zu achten ist, ein sehr uneinheitliches Resultat ergeben. Bestimmt kommt für die weiseren unter diesen Strebern ein Moment der Ernüchterung, in welchem nach Einheit für Denken und Handeln geforscht wird, wonach kontrollierte Energie zu Erfolg im Glück verhilft. Die Mehrheit aber dürfte besser mit Selbstgerechtigkeit ausgestattet sein, mit Anmassung und Verachtung, dass erst die Verlangsamung sämtlicher Aktivitäten Zeit und Raum für eine philosophische Überlegung schafft, natürlich zu spät. Der tägliche Kampf um den Erfolg ist keine Misere. Er ist Ansporn und Herausforderung. So, wie wir unser Eigengewicht bewegen, sollten wir unsere Bürde tragen, irgendwie unbeschwert. Plötzlich aber werden kleine Bürden zu grossen Lasten. Leicht passierte enge und steile Wege werden zu ziellosen Anstrengungen. Dann spüren wir sogar unsere eigene Gravitation. Der Erfolg im Aufstieg lässt auch den Alleskönner spüren, dass die von den vielen Weggefährten aufgeladene Last und die selbstaufgeladenen Bürden plötzlich das Bewusstsein wecken, wie viel an Lebensqualität eigentlich verloren geht. Es bleibt die Frage offen, ob man die Lasten abwirft und den Weg zurückgeht. Für jeden Einzelnen bleibt die Frage offen, welcher Weg mit welcher Last zu begehen sei.
29.07.2010, 18:15 von Dr. H. J. Stalder-Straub |
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